Hannes, Schlüsselbeinbruch/Clavicula-Fraktur im August 2005, konservativ behandelt

Zitat

Vorbemerkung: Dies ist angepasster Bericht, der aus einem ursprünglichen Tag-für-Tag-Bericht (erreichbar unter http://www.schluesselbein-info.de/schluesselbein-tagebuch-hannes.html) zusammengefasst ist. Er soll Nichtbetroffenen zeigen, welche Folgen ein verhältnismäßig harmloser Unfall im Alltags− und Berufsleben haben kann und anderen Betroffenen einen Ausblick geben, wie und in welcher Zeit sie mit einer Rückkehr zum Normalen rechnen können. Da der Bericht bereits mehr als 15 Jahre alt ist, spiegelt er die medizinische Versorgung und Handhabung zum damaligen Zeitpunkt wider.

Lebenssituation (zum Zeitpunkt der Verletzung)

Ich habe zum Zeitpunkt meiner Verletzung allein gelebt und beruflich Websites für Gewerbetreibende erstellt. Von Kundenbesuchen abgesehen, habe ich dafür viel von Zuhause gearbeitet. Daneben war und bin ich noch leidenschaftlicher Motorradfahrer.

Unfallhergang/Bruchursache

Mittwoch, 18.8.2004 ich arbeite an einem Kundenauftrag − die Notstromversorgung für die Computer springt an. Stundenlanger Stromausfall, dafür ist die USV (unterbrechungsfreie Stromgversorgung) nicht ausdauernd genug. Hmm, setzen wir uns in der Zeit auf’s Fahrrad und kaufen das Nötigste ein. Zurückgekommen, nehme ich einen gepflasterten Waldweg, Schussfahrt. Leider ein Steinblock, eine Flasche oder irgendwas auf dem Weg. Ich überschlage mich mit dem Fahrrad, schaffe eine wunderschöne Rolle und komme auf der Armkugel auf. Die Schulter ist nicht mehr da, wo sie hingehört. Drei Jungens, so 13−14, sitzen auf einer Bank nebenbei und haben einen Logenplatz. Die Packung Eier in den Gepäcktaschen wär’ kaputt, sagen sie, der Rest ist ganzgeblieben. Toll, die kleinen Kerle bilden eine Rettungskette, als hätten sie’s gelernt. Vielleicht haben sie’s. Tatü−Tata, in der Notaufnahme kriege ich nach Röntgenbild einen sog. Rucksackverband und ein paar Schmerzpillen verpasst.

Röntgenbild am Tage des Unfalles. Der Bildwinkel täuscht - die Knochen haben, von Mitte zu Mitte gemessen, ca. 18 mm Abstand, stehen damit geschätzt um 6 mm auseinander.

Hmm, und jetzt? Ich stehe 20 km von Zuhause auf den Höhen über dem Rhein im Freien. Jemand aus der Gegend, den ich lange nicht mehr gesprochen hatte ("hallo, wie geht’s? Ach, übrigens ... kommst Du zufällig heute abend am Krankenhaus vorbei und wolltest eh in Richtung Windhagen fahren?") bringt mich heim und sieht zu, dass ich’s in einen Stuhl schaffe. Meine Wohnzimmergarnitur aus Rattan, gleichzeitig für die Terrasse, erweist sich als noch vielseitiger, als gedacht: aus ihren Kissen baue ich mir etwas zum Anlehnen.

Alltag nach dem Unfall:

Der Alltag sieht in den kommenden Wochen häufig so aus: Morgens aua und missmutig, langsames Quälen durch's Anziehen usw., viele Pläne, bisschen Arbeit, zumeist Hausarbeit, die einem sonst in ein paar Minuten am Tag von der Hand ging, und abends die immer vergebliche Aufgabe, eine annehmbare Stellung zum Schlafen zu finden (meisten irgendwie halb sitzend/liegend) - und das, wie mir mal wieder vor Augen geführt wurde, wegen eines so kleinen Knöchelchen.

Da ich zu der Zeit wichtige Kundenaufträge bearbeiten musste, habe ich mich relativ schnell wieder an den Schreibtisch gesetzt, erst mit einem Finger tippend, dann mit zehnen, als ich eine Stütze für den Arm gefunden hatte.

Daneben viele Arzttermine mit teils widersprüchlichen Empfehlungen und Bewertungen des Bruches, Neueinstellen/Nachziehen des Rucksackverbandes, der oft nicht richtig saß und somit keinen Effekt hatte (u.A. weil nach dem Unfall die falsche Größe für den Rucksackverband gewählt wurde).

Autogefahren bin ich schon wieder relativ schnell, allerdings kann ich das nicht zur Nachahmung empfehlen! Man kann nicht mit einer Hand um eine Ecke an der Kreuzung biegen und dann packt man doch mit der verletzten Seite zu, der "Schulterblick" fällt aus, eigentlich sogar die Sicht nach links, wenn man vorfahrtspflichtig ist, und gelegentlich sollte man ja auch den Blinker setzen. Ein Schlüsselbeinbruch vermittelt eine ganz neue Meinung über einen bisher als glatt empfundenen Straßenbelag

Glück hatte ich in der Zeit, dass mir viele Freunde im Alltag geholfen haben. Sei es durch das Abnehmen eines Einkaufs, das Hervorholen von schweren oder weit oben stehenden Gegenständen, Wäschemachen, Bettbeziehen oder einfach nur durch ihren Besuch.

Rehabilitation:

Eine letzte Röntgenuntersuchung fand dann in der 11. Woche nach dem Bruch statt, wo die Aussage vom Arzt war, ich könne den Rucksackverband nach seiner Meinung auslassen und bis zur Schmerzgrenze alles machen, ohne daß ein Schaden zu befürchten sei.

Danach stellte ich fest, dass meine Schulter- und Oberarmmuskulatur ein einziger, verkrampfter Block ist. Autogenes Training zur Entspannung brachten wenig, eine Wärmflasche auch nichts, spielerische Bewegung gleich nach dem Aufwachen war schon besser. Mal ein Aspirin zwecks unbefangenerer Nutzung wird wohl nichts geschadet haben, und sonst versuchte ich mich an natürliche Haltungen und Bewegungsabläufe zu erinnern - wie zog man doch nochmal ein Hemd mit beiden Armen an?!

Am letzten Tag der 11. Woche, haben sich die Beschwerden dann auch endlich auf das Ausmaß eines entzündeten Zahnes reduziert, und die kamen eher von verkümmerten Muskeln und verkürzten oder überforderten Sehnen als von dem Knochenbruch. Ich konnte zu dem Zeitpunkt wieder ohne Hilfe oder Hilfsmittel Auto fahren oder mich anziehen, wenn auch mit Einschränkungen. Es ging mit der verletzten Seite 4...5 kg zu heben und mit der anderen Seite das Doppelte. Den Arm auf der verletzten Seite über die Waagerechte heben können dauerte noch, was Sportarten wie Karate oder auch nur Tanzsport mindestens bis dahin unterbunden hat.

Eine Untersuchung in einem Krankenhaus, das auf Schulterpatienten spezialisiert ist, ergab am 14.4.2005 (etwa 8 Monate nach dem Bruch) für das Schlüsselbein die Diagnose "steife Pseudoarthrose" und generell die Aussage, eine andere Behandlung als die operative Rekonstruktion des Schlüsselbeines sei nicht sinnvoll. Eine derartige Operation habe ich allerdings wegen des Risikos und der fehlenden Versorgungsmöglichkeit für mich abgelehnt. Ich glaubte anhand der zahlreichen im Internet recherchierbaren Informationen (zum Zeitpunkt 2005), dass nur 70 Prozent an Schulteroperationen einen messbaren Erfolg bringen und eine beträchtliche Anzahl Patienten durch Komplikationen wie Durchtrennung von Nerven stattdessen weiteren Schaden erfährt. Physiotherapie wurde (rückblickend viel zu spät) anschließend ein halbes Jahr (nach dem Unfall) angefangen. Die durch die Physiotherapeuten aufgegebenen täglichen Übungen haben dann aber eine wesentliche Erleichterung und Schmerzlinderung gebracht.

(Erst) im März 2006, also ca. Monat 20 nach dem Bruch, habe ich bedenkenlos Lasten bis z.B. 32 Kg mit beiden Armen gehoben. Schmerzmittel (Tramal, Ibuprofen) habe ich seitdem weniger als einmal im Monat eingenommen, die verbliebenen Beschwerden ließen sich sehr gut auch ohne Medikamente ertragen.

Inzwischen weiß ich, dass die Hauptbeschwerden nicht von dem Knochenbruch herrührten, sondern von den ärztlich lange unerkannt und daher unbehandelt gebliebenen Bänderrissen. Eine Operation hätte idealerweise binnen 12 Stunden erfolgen müssen oder, bei der sog. konservativen Behandlung ohne Operation, hätte ein sog. Gilchrist-Verband angelegt und der Heilungsverlauf ständig kontrolliert, sowie eine ganz frühzeitige Physiotherapie gegen die eingetretene Versteifung der Schulter durchgeführt werden müssen.

Acht Monate nach dem Unfall, schräg von oben/hinten gesehen. Die Bruchstücke sind durch Callus verbunden (links oben; steife Pseudoarthrose). Das Schlüsselbeingelenk, das dem Schulterblatt oberen Halt gibt, ist auseinandergezogen (der Spalt rechts oben), da das Schlüsselbein um ca. anderthalb Zentimeter verkürzt ist, und muss eine neue Bewegungsabfolge finden.

Zum Röntgenbild: Acht Monate nach dem Unfall, schräg von oben/hinten gesehen. Die Bruchstücke sind durch Callus verbunden (links oben; steife Pseudoarthrose). Das Schlüsselbeingelenk, das dem Schulterblatt oberen Halt gibt, ist auseinandergezogen (der Spalt rechts oben), da das Schlüsselbein um ca. anderthalb Zentimeter verkürzt ist, und muss eine neue Bewegungsabfolge finden.

Rückblick und Empfehlung:

Meine persönlichen Tipps und Erkenntnisse aus der Zeit:

  • Die Notaufnahme ist eine Notaufnahme, nicht mehr. Sie gucken, ob du in Gefahr bist; wenn sie einen passenden Rucksackverband haben, versorgen sie die Verletzung damit (bei mir hatten sie keinen passenden, so haben sie eben den nächstgrößeren, völlig nutzlosen genommen); dann schicken sie dich mit ein paar Schmerztabletten vor die Tür. Die weitere Heilung ist nicht ihre Verantwortung. Sie werden dich auf Wunsch noch beraten, aber sie sind keine Spezialisten für deine Verletzung.
  • Der Hausarzt ist kein Unfallchirurg. Mancher merkt es, wenn der Bruch nach ein paar Wochen noch nicht zu heilen angefangen hat und er feststellt, dass der Hausarzt mit dem Rucksackverband lange nicht die Routine hat, wie ein Spezialist, noch überhaupt die Röntgenbilder angefordert hat. Tipp: man nehme die Röntgenbilder sofort aus der Notaufnahme mit für die nachbehandelnden Ärzte.
  • Suche spätestens nach drei Tagen einen Unfallchirurgen zur qualifizierten Weiterbehandlung auf, nicht erst, wenn dich der Hausarzt nach ein paar Wochen zu einer vermeintlichen Nachkontrolle schickt. Ein Röntgenarzt ist übrigens kein Unfallchirurg. Ein Unfallchirurg hat eine mehrjährige Zusatzausbildung und tägliche Erfahrung mit Problemen deiner Art.
  • Was tun, wenn sich die Ärzte widersprechen? Sie tun es bei Schlüsselbeinbrüchen anscheinend besonders oft. Nun, dann kommt dein eigenes Körpergefühl in's Spiel. Kein Arzt ist, bei all seiner Gelehrtheit, an deine Nervenbahnen für Schmerz und Körperhaltung angeschlossen. Mir hat, evtl. in Befürchtung eines Kunstfehlerprozesses, ein Arzt zu einer konventionellen Operation geraten, Tage nachdem die Schmerzen mit sensationeller Dynamik zu Ende gegangen waren. Auf dem Röntgenbild (s.o.), war noch lange kein Heilungsanzeichen zu ersehen, aber ich hatte ein gutes Gefühl. Der nächste (qualifiziertere) Arzt bestätigte dann meinen Eindruck.
    Ein andermal riet man mir nach Woche 6 in einer Uni-Klinik, in der dreistellige Zahlen von Schlüsselbeinbrüchen im Jahr durchlaufen, den Rucksackverband als unnötig sofort auszulassen, ein erfahrener Unfallchirurg anderntags, ihn mindestens bis Woche 10 weiter zu tragen. Ein kompromiss-weiser Versuch, ihn nach Woche 8 aus zu lassen, ergab große Beschwerden. Das konnte von den Fachleuten keiner vorhersagen.

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